Synthese als Prinzip

Synthese als Prinzip

„Seit der „Aufklärung“ des achtzehnten Jahrhunderts sind Kultur und Bewusstsein Europas und der Neuen Welt eher analytisch als synthetisch orientiert. Demzufolge prägt unsere Gegenwart eine ständig zunehmende Spezialisierung, von der alle Bereiche des öffentlichen Lebens betroffen sind. Auch Forschung und Lehre konnten sich diesem Druck nicht entziehen und legen heute übermässiges Gewicht auf die Aufteilung des Wissens in verschiedene Disziplinen.

Nachforschungen in allen Bereichen werden somit traditionsgemäss in voneinander getrennten Fächern aufgespalten. In jedem Forschungsgebiet wird einschlägiges Material von Experten untersucht und ausgewertet, aber der Kontakt dieser Fachleute zwischen ihnen und anderen Disziplinen lässt sehr zu wünschen übrig.

Interdisziplinärer Forschung wird heute immer noch allzu oft der Ruf des Eklektizismus (Lehren aus mehreren Systemen entlehnt) angelastet. So wird sie dann, wenn sie tatsächlich praktiziert wird, mit der Begründung abgetan, sie sei spekulativ.“

Viele Forscher in allen Bereichen und speziell in der PS-Forschung finden sich nun vor dieser Situation, die dann als Märchenerzähler oder Phantasten dargestellt werden und es wird ihnen in vollem Masse irgendwelche „Wissenschaftlichkeit“ abgesprochen. Und sollte es dann doch mal einer wagen, einem Historiker gegenüber auch nur die Vermutung zu äussern, irgendwelche Überlieferungen seien nicht nur bloss Romane und Legenden, wird er gar der Häresie oder Blasphemie beschuldigt.

Aber genau die Vergangenheit hat immer wieder gezeigt, das Phantasten und „Legendengläubige“ mit der Nase auf überlieferte, von der Wissenschaft falsch interpretierte Tatsachen gestossen sind.

Historiker sind entweder nicht gewillt oder nicht in der Lage, unkonventionelle Forschungswege zu beschreiten, Bibelexperten sind es (mit wenigen Ausnahmen) noch viel weniger.

Dabei können gerade alte Schriften, und nicht nur die, sondern auch neuere Schriften und Romane, und wenn es denn auch erfundene Geschichten sind, doch viel über ein Land, eine Epoche und vorallem über die Menschen aussagen. Wir kennen heute sogenannte klassische  Literatur, die im weitesten Sinne Romane und Geschichten sind, die im zwanzigsten Jahrhundert geschrieben wurden, die aber eine Zeit von 200 oder 300 Jahren zurückliegen, besser beschreiben, als es jedes Geschichtsbuch es tut.

Es ist also sicher empfehlenswert, eine interdisziplinäre Betrachtungsweise, eine flexible und aufgeschlossene Einstellung anzuwenden, die es jedem Forschenden oder Wissbegierigem ermöglicht, sich frei und ungehindert zwischen verschiedenen Disziplinen zu bewegen. Man muss imstande sein, Verbindungslinien zwischen Menschen, Geschehnissen und gewissen Erscheinungen herzustellen, die zeitlich, räumlich (und vielleicht auch logischerweise) weit auseinanderliegen. Will heissen, eine Betrachtungsweise über jegliche räumliche und zeitliche Grenzen hinweg zu betrachten.

Kurz gesagt, ein synthetisches Verfahren.

Denn nur durch übergreifende Betrachtungsweisen ist eine in einem historischen Prozess zugrunde liegende Kontinuität, ein zusammenhängendes Gefüge wahrzunehmen. Solches Vorgehen ist eigentlich weder aussergewöhnlich noch neu.

Man darf und kann sich beim Nachforschen nicht nur ausschliesslich auf Fakten beschränken. Auch Beschreibungen, die in Form von Sagen und Legenden über viele Jahrhunderte erhalten geblieben sind, haben ihre Auswirkungen beim Zusammenfügen eines historischen Puzzles. Logischerweise werden auch sicher viele Fakten aufgrund verflossener Zeit verzerrt, verzerrt weitergegeben oder verzerrt aufgenommen.

Tatsachen sind wie Kieselsteine, die man in den Teich der Geschichte wirft. Oft verschwinden sie, ohne eine Spur zu hinterlassen; die Wellen jedoch, die sie schlagen, ermöglichen es dem Betrachter, genau festzustellen, wo der Kieselstein hingefallen ist.

So sind vermutlich viele Forschungsergebnisse, die wir heute kennen, bloss nur noch Wellen, die uns, wenn wir ein bisschen genauer hinschauen, der Ort, wo vor zweitausend (drei- oder fünftausend) Jahren der Stein in den Teich der Geschichte hineingeworfen wurde.

28.12.2013